Rede: Klimaschutzpolitik

Veröffentlicht von Nina Scheer 29. November 2018

 

 

 

Dr. Nina Scheer (SPD):

Sehr geehr­ter Herr Prä­si­dent! Lie­be Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen! Zunächst möch­te ich noch ein­mal eine Sache klar­stel­len. Wenn hier in die­sem Haus in Rich­tung der SPD-Bun­des­tags­frak­ti­on von Ver­rat am Vol­ke gespro­chen wird,

(Bei­fall bei Abge­ord­ne­ten der AfD — Ste­phan Brand­ner (AfD): Dann ist das wich­tig und rich­tig!)

auf eine plum­pe Art und Wei­se, und wenn Sie ange­sichts der gesam­ten Erfol­ge, die die Sozi­al­de­mo­kra­tie über 150 Jah­re im Dienst des Vol­kes bewie­sen hat,

(Zuruf von der AfD: Wir sind aber heu­te!)

ob Gleich­be­rech­ti­gungs­po­li­tik, Frau­en­wahl­recht, Arbeit­neh­mer­rech­te oder Frie­dens­po­li­tik,

(Udo Theo­dor Hem­mel­garn (AfD): Sie kön­nen sich für die Ver­gan­gen­heit nichts kau­fen!)

trotz­dem die­ses Voka­bu­lar uns gegen­über in den Mund neh­men, dann zeigt das eigent­lich nur eines: dass Sie Fein­de der Ver­fas­sung sind.

(Bei­fall bei der SPD sowie bei Abge­ord­ne­ten der LINKEN — Zuruf von der AfD: Und was seid ihr heu­te? — Ste­phan Brand­ner (AfD): Geg­ner des SPD-Grund­satz­pro­gramms!)

Ich möch­te jetzt ger­ne wei­ter­re­den, ohne stän­dig unter­bro­chen zu wer­den. Kön­nen Sie dafür sor­gen, Herr Prä­si­dent?

Vize­prä­si­dent Wolf­gang Kubicki:

Frau Kol­le­gin, reden Sie wei­ter. Wenn es zu laut wird, woher auch immer, wer­de ich ein­grei­fen.

Dr. Nina Scheer (SPD):

Es war zu laut. — Ich möch­te jetzt ger­ne zu dem The­ma kom­men, das wir heu­te hier behan­deln: den Kli­ma­schutz im Zei­chen des­sen, was uns in Kato­wice bevor­steht. Es ist eine wich­ti­ge inter­na­tio­na­le Ebe­ne, um die sich zuspit­zen­de Pro­ble­ma­tik des welt­wei­ten Kli­ma­wan­dels anzu­ge­hen. Inso­fern ist es auch immer wie­der ein Grad­mes­ser dafür, wo wir jeweils vor Ort ste­hen und wo wir inter­na­tio­nal ste­hen.

Kli­ma­wan­del steht für das Armuts­ri­si­ko des 21. Jahr­hun­derts. Er steht aber auch gleich­zei­tig für Arbeit mit Zukunft. Denn Kli­ma­schutz bedeu­tet Ener­gie­wen­de, und Ener­gie­wen­de heißt, dass wir in sehr vie­len Berei­chen einen Wan­del vor­neh­men und damit Zukunft und Chan­cen ver­bin­den kön­nen.

(Bei­fall bei der SPD — Kars­ten Hil­se (AfD): Wel­che?)

Inso­fern ist bei der Betrach­tung des­sen, was wir ins Zen­trum rücken soll­ten, die gan­ze Abwehr­hal­tung, die ich lei­der jetzt auch bei der FDP wahr­neh­men muss­te

(Dr. Lukas Köh­ler (FDP): Das ist doch Quatsch!)

- es geht immer nur dar­um, bloß zu ver­hin­dern, dass man vor Ort etwas machen muss — zum einen wirt­schafts­po­li­ti­scher Blöd­sinn, und zum ande­ren ist sie auch geschichts­ver­ges­sen hin­sicht­lich der His­to­rie der inter­na­tio­na­len Kli­ma­schutz­po­li­tik. Denn die inter­na­tio­na­le Kli­ma­schutz­po­li­tik hat immer davon gelebt, dass man einer­seits ver­sucht, gemein­sa­me Wege zu gehen, damit man mög­lichst an einem Strang zieht und kei­nen Ver­drän­gungs­wett­be­werb und der­glei­chen hat, aber ande­rer­seits — und das ist expli­zit der Geist des Pari­ser Kli­ma­schutz­ab­kom­mens — lokal vor Ort und natio­nal Maß­ga­ben setzt und in einer Vor­rei­ter­funk­ti­on vor­an­geht, statt auf­ein­an­der war­ten zu müs­sen. Natür­lich muss auch jeder vor Ort das Mög­lichs­te und Nötigs­te tun. Das ist der Geist inter­na­tio­na­ler Kli­ma­schutz­po­li­tik, den Sie offen­bar nicht ver­stan­den haben.

(Bei­fall bei der SPD)

Vize­prä­si­dent Wolf­gang Kubicki:

Frau Kol­le­gin, erlau­ben Sie eine Zwi­schen­fra­ge aus der AfD-Frak­ti­on?

Dr. Nina Scheer (SPD):

Gut, wenn es sein muss.

Vize­prä­si­dent Wolf­gang Kubicki:

Das ent­schei­den Sie.

Dr. Nina Scheer (SPD):

Doch, das muss jetzt sein. Ich will mir nicht vor­wer­fen las­sen, dass ich das nicht aus­hal­ten könn­te.

Dr. Rai­ner Kraft (AfD):

Vie­len Dank, Frau Scheer. Vie­len Dank, Herr Prä­si­dent. — Sie haben von den Chan­cen gespro­chen, die sich aus die­sem Seg­ment erge­ben. Es ist cir­ca 16 bis 18 Jah­re her, als ein grü­ner Umwelt­mi­nis­ter uns 1 Mil­li­on Jobs ver­spro­chen hat, die in dem Sek­tor erneu­er­ba­re Ener­gien auf uns war­ten. Er hat gesagt, es wer­de ledig­lich eine Kugel Eis im Monat kos­ten.

Bei­des hat sich im Nach­hin­ein als eine, sagen wir, über­op­ti­mis­ti­sche Emp­feh­lung ent­puppt. Wie sehen denn nach 16 Jah­ren des Her­um­wurs­telns mit sehr, sehr teu­ren Strom­rech­nun­gen für die Ver­brau­cher und einem Job­an­ge­bot, das nega­tiv ist, die Chan­cen in die­sem Sek­tor aus? Wenn Sie mal kon­kret wer­den könn­ten, bit­te.

(Bei­fall des Abg. Jür­gen Braun (AfD))

Dr. Nina Scheer (SPD):

Das tue ich sehr ger­ne. Und zwar sieht das so aus, dass wir bis dato schon über 400 000 Jobs im Bereich der erneu­er­ba­ren Ener­gien geschaf­fen haben. Die Fra­ge ist beant­wor­tet.

(Bei­fall bei der SPD sowie bei Abge­ord­ne­ten der CDU/CSU und der FDP — Zuruf von der AfD: Und wie vie­le sind weg seit­dem?)

Ich kom­me zurück zu den Fra­gen, die noch anste­hen. Es ist auch wich­tig, noch ein­mal her­vor­zu­he­ben, was man natio­nal tun kann und auch tun muss. Es ist mit der Ener­gie­wen­de bis­her gelun­gen — das habe ich schon an ande­rer Stel­le erwähnt -, dass wir allein mit den hie­si­gen Maß­nah­men schon über 1 Mil­li­ar­de Ton­nen CO2 ein­ge­spart haben. Wenn man sich ver­ge­gen­wär­tigt, dass, um das 2‑Grad-Ziel zu errei­chen, ein Minus von 8,8 Mil­li­ar­den Ton­nen CO2 pro Jahr welt­weit erfor­der­lich ist, dann zeigt das die Dimen­si­on, die allein deutsch­land­weit erreich­bar ist. Zudem ist die Aus­strah­lungs­wir­kung her­vor­zu­he­ben, die von natio­na­len Maß­nah­men aus­geht.

Es ist jetzt alles ein biss­chen durch­ein­an­der­ge­gan­gen, was die Zeit angeht; mei­ne Rede­zeit ist jetzt um. Ich will aber ganz zuletzt noch ein paar Punk­te anspre­chen, die ich zur­zeit schwie­rig fin­de, auch in der Gro­ßen Koali­ti­on.

Wir haben mor­gen über ein Ener­gie­pa­ket bzw. über ein Man­tel­ge­setz zu ent­schei­den.

Vize­prä­si­dent Wolf­gang Kubicki:

Frau Kol­le­gin, Sie haben zu Recht dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Zeit jetzt über­schrit­ten ist.

Dr. Nina Scheer (SPD):

Darf ich den Satz noch aus­füh­ren?

Vize­prä­si­dent Wolf­gang Kubicki:

Einen Satz dür­fen Sie noch sagen.

Dr. Nina Scheer (SPD):

Ich fin­de es schwie­rig, wenn wir einer­seits kurz vor einer Kli­ma­kon­fe­renz die­se wich­ti­gen Fra­gen hier behan­deln und ande­rer­seits die Gesetz­ge­bungs­pro­zes­se in die­sem so wich­ti­gen The­men­kon­text Ener­gie­wen­de zei­gen, dass von einer Sei­te sehr stark gebremst wird. Ich möch­te in Rich­tung Koali­ti­ons­part­ner sagen, dass es mich sehr betrübt, dass die Son­der­aus­schrei­bun­gen so lan­ge nicht umge­setzt wor­den sind und dass es jetzt im Zuge die­ser Ener­gie­ge­setz­ge­bung auch Dis­kus­sio­nen wie die über Son­der­de­gres­sio­nen geben muss­te.

Ich fin­de das bedau­er­lich. Das muss an die­ser Stel­le auch ein­mal gesagt wer­den.

(Patrick Schnie­der (CDU/CSU): Ein Satz, Herr Prä­si­dent!)

Wenn man in einer Koali­ti­on zusam­men­ar­bei­ten möch­te und muss, gehört es dazu, dass man die Zie­le, die man sich gemein­sam steckt, in der Umset­zung wirk­lich vor­an­bringt und nicht immer ver­zö­gert. Das muss ein­fach mal gesagt wer­den.

(Bei­fall bei der SPD sowie bei Abge­ord­ne­ten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Zur Rede in der Media­thek des Deut­schen Bun­des­ta­ges