Rede: Fridays for Future

Veröffentlicht von Nina Scheer 19. März 2019

Deut­scher Bun­des­tag, 87. Sit­zung, 15. März 2019

Zusatz­punkt 1: Aktu­el­le Stun­de auf Ver­lan­gen der Frak­ti­on BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Hal­tung der Bun­des­re­gie­rung zu den Kli­ma­st­reiks der Fri­days-for-Future-Bewe­gung und der Peti­ti­on Sci­en­tists for Future

Dr. Nina Scheer (SPD):
Sehr geehr­ter Herr Prä­si­dent! Lie­be Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen! Fri­days for Future steht für viel Ent­rüs­tung, viel Ent­täu­schung und auch Unver­ständ­nis für aus­ge­blie­be­nes und viel zu spä­tes Han­deln. Genau in die­sem Lich­te, den­ke ich, muss man das sehen und sich unbe­dingt auch direkt ange­spro­chen füh­len.

(Frank Sit­ta [FDP]: Regie­rung müss­te man sein!)

Es ist so – das zei­gen alle Zah­len und Ana­ly­sen –, dass wir hin­ter­her­hin­ken. Die Kli­ma­schutz­zie­le von Paris gibt es des­we­gen, weil wir hin­ter­her­hin­ken. Inzwi­schen ist es eine brei­te Erkennt­nis welt­weit, dass wir tat­säch­lich etwas auf­zu­ho­len haben. Ich möch­te das inso­fern beto­nen, weil es, um aufs Poli­ti­sche zurück­zu­kom­men, in der Tat eine Dis­kre­panz zwi­schen Erkennt­nis und Han­deln gibt und wir uns natür­lich damit aus­ein­an­der­set­zen müs­sen, wie es zu die­ser Dis­kre­panz kommt, obwohl wir uns hier in die­sem Haus in vie­len Din­gen einig sind.
Es fehlt eben nicht an der brei­ten Unter­stüt­zung für deut­li­che Kli­ma­schutz­zie­le oder für eine klar benann­te Ener­gie­wen­de, die wir drin­gend brau­chen. Es ist aber so, dass anders als noch vor 10 oder 15 Jah­ren, als man ganz klar von den Atom­ener­gie­be­für­wor­tern und den Atom­ener­gie­geg­nern reden konn­te und auch ande­re wider­strei­ten­de Inter­es­sen in der Ener­gie­wirt­schaft ganz ein­fach zu benen­nen waren, heu­te fast alle von der Ener­gie­wen­de spre­chen, aber alle damit etwas ande­res mei­nen.

Wir müs­sen uns also auch mit fol­gen­den Fra­gen aus­ein­an­der­set­zen: Was heißt etwa in Frank­reich eine CO2-neu­tra­le Ener­gie­ver­sor­gung? Da ist dann auch die Atom­ener­gie mit dabei. Was heißt bei uns eine CO2-neu­tra­le Ener­gie­ver­sor­gung? Was heißt das dann, wenn wir dar­aus ein euro­päi­sches Pro­jekt machen? Das kann mit unse­rer Les­art auf kei­nen Fall einen Wider­ein­stieg in die Atom­ener­gie hei­ßen. Die­se Fra­gen müs­sen geklärt wer­den, füh­ren aber auch dazu, dass wir uns bei der Wahl der Instru­men­te schwer­tun, auf einen gemein­sa­men Nen­ner zu kom­men.

So füh­ren wir auch hier im Bun­des­tag immer wie­der die Aus­ein­an­der­set­zung, wenn es zum Bei­spiel um die erneu­er­ba­ren Ener­gien geht. Einer­seits heißt es von vie­len Sei­ten ganz klar: Wir wol­len den wei­te­ren Aus­bau der erneu­er­ba­ren Ener­gien. Ande­rer­seits höre ich auch hier im Haus immer wie­der, dass die Erneu­er­ba­ren immer noch zu teu­er sind. Dabei wis­sen wir doch heut­zu­ta­ge, dass das Quatsch ist. Ana­ly­sen über Ana­ly­sen zei­gen: Nein, die erneu­er­ba­ren Ener­gien sind, was die Gesund­heit, was die öko­lo­gi­schen Fol­ge­schä­den, was also den gesam­ten öko­lo­gi­schen Ruck­sack angeht, bil­li­ger – auch jetzt schon. Sie sind durch die Bank weg bil­li­ger.

(Bei­fall bei der SPD)

Den­noch wer­den sie auch hier immer wie­der als ein Brems­klotz emp­fun­den. Wir haben auch in der Koali­ti­on wie­der erle­ben müs­sen, dass die Son­der­aus­schrei­bun­gen für erneu­er­ba­re Ener­gien viel spä­ter kamen, als sie eigent­lich hät­ten kom­men müs­sen. Das ist die direk­te Aus­wir­kung die­ser Miss­ver­ständ­nis­se, die wir immer wie­der antref­fen.

Ein wei­te­res Argu­ment, das immer wie­der vor­kommt, ist, dass man die Erneu­er­ba­ren erst dann aus­bau­en kön­ne, wenn die ent­spre­chen­de Netz­in­fra­struk­tur vor­han­den wäre. Es ist jedoch seit lan­gem bekannt, dass es beim Aus­bau der erneu­er­ba­ren Ener­gien nicht an der Netz­in­fra­struk­tur fehlt, son­dern dass es mit der jet­zi­gen Infra­struk­tur, mit intel­li­gen­ten Net­zen und der Ein­be­zie­hung von Spei­chern sehr wohl mög­lich ist, den Aus­bau der erneu­er­ba­ren Ener­gien vor­an­zu­trei­ben. Trotz­dem haben wir immer wie­der das ver­brei­te­te Argu­ment in der Dis­kus­si­on, dass die erneu­er­ba­ren Ener­gien ohne wei­te­re Net­ze angeb­lich nicht aus­ge­baut wer­den könn­ten. Genau an sol­chen Fra­gen hängt es, nicht an der Über­schrift, hin­ter der sich alle ver­sam­meln.

Des­we­gen mei­ne ich auch, dass wir uns ver­stärkt damit aus­ein­an­der­set­zen müs­sen, woher die­se fehl­ge­lei­te­ten Argu­men­te kom­men, und wir uns neben dem, was Mat­thi­as Miersch gesagt hat, stär­ker dar­auf kon­zen­trie­ren müs­sen, die pla­ne­ta­ren Gren­zen ganz deut­lich vor Augen zu haben. Wir müs­sen uns auch immer wie­der besin­nen, wel­che immensen Chan­cen in dem Umstieg auf die erneu­er­ba­ren Ener­gien und alle ande­ren kli­ma­schüt­zen­den Maß­nah­men ste­cken.

(Bei­fall bei der SPD sowie des Abg. Dr. Lukas Köh­ler [FDP])

Sie bedeu­ten Arbeits­platz­ge­win­ne. Sie bedeu­ten Gewin­ne an Umwelt­schutz, Gewin­ne an dem Erhalt von Lebens­grund­la­gen und von Gesund­heit, auch Gewin­ne durch die Ver­mei­dung wei­te­rer Ein­bu­ßen, die sich als Fol­ge­wir­kun­gen dar­stel­len wür­den. Wir haben nur ein Gewin­ner­kon­to, wenn wir mög­lichst schnell auf die erneu­er­ba­ren Ener­gien umstei­gen und wei­te­re kli­ma­schüt­zen­de Maß­nah­men ein­lei­ten.
Wir sind in Deutsch­land auf einem sehr wich­ti­gen Pfad. Mit dem Abschluss­be­richt der Koh­le­kom­mis­si­on und dem von Sven­ja Schul­ze vor­ge­leg­ten Gesetz­ent­wurf sind wir auf dem rich­ti­gen Weg. Wir müs­sen erken­nen, dass sich die­se Ziel­ge­ra­de in brei­ter Über­ein­stim­mung mit den Zie­len der Bewe­gung „Fri­days for Future“ befin­det. Wir müs­sen auf­pas­sen, dass die Zie­le, die dort ver­an­kert sind, jetzt nicht ver­wäs­sert wer­den. Von den Ers­ten wird das schon hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand getan. Wir müs­sen dafür ein­tre­ten, dass die­se Zie­le eben nicht ver­wäs­sert wer­den.

Als aller­letz­ten Punkt möch­te ich sagen, dass dies auch eine frie­dens­po­li­ti­sche Her­aus­for­de­rung ist. Wenn immer mehr Men­schen auf der Welt auf immer weni­ger wer­den­de Res­sour­cen zurück­grei­fen, dann wer­den wir irgend­wann einen Kampf um Res­sour­cen haben, den wir in einer mili­tä­risch hoch­ge­rüs­te­ten Welt nicht gewin­nen kön­nen und der zur Ver­nich­tung der Mensch­heit füh­ren wird.

(Bei­fall bei der SPD sowie bei Abge­ord­ne­ten der LINKEN und der Abg. Lisa Badum [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

In die­sem Sin­ne soll­ten wir uns dar­auf eini­gen, „every day for future and for peace“ als Bewe­gung zu ver­fol­gen: in den Schu­len, vor den Schu­len, auf der Stra­ße und in den Par­la­men­ten.

Vie­len Dank.

(Bei­fall bei der SPD und der LINKEN)

 

Zur Rede in der Media­thek des Deut­schen Bun­des­ta­ges