Rede: Atomausstieg — Acht Jahre Fukushima

Veröffentlicht von Nina Scheer 15. März 2019

Deut­scher Bun­des­tag, 85. Sit­zung, 14. März 2019

Tages­ord­nungs­punk­te 6 a bis 6 e:
a) Bera­tung des Antrags der Abge­ord­ne­ten Syl­via Kot­ting-Uhl, Lisa Badum, Dr. Bet­ti­na Hoff­mann, wei­te­rer Abge­ord­ne­ter und der Frak­ti­on BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Acht Jah­re Fuku­shi­ma – Atom­aus­stieg in Euro­pa vor­an­brin­gen
Druck­sa­che 19/8284
b) Bera­tung des Antrags der Abge­ord­ne­ten Huber­tus Zde­bel, Lorenz Gös­ta Beu­tin, Dr. Gesi­ne Lötzsch, wei­te­rer Abge­ord­ne­ter und der Frak­ti­on DIE LINKE
Fuku­shi­ma mahnt – Atom­aus­stieg beschleu­ni­gen
Druck­sa­che 19/8271
c) Zwei­te und drit­te Bera­tung des von den Abge­ord­ne­ten Syl­via Kot­ting-Uhl, Lisa Badum, Dr. Bet­ti­na Hoff­mann, wei­te­ren Abge­ord­ne­ten und der Frak­ti­on BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ein­ge­brach­ten Ent­wurfs eines Sech­zehn­ten Geset­zes zur Ände­rung des Atom­ge­set­zes
Druck­sa­che 19/964
Beschluss­emp­feh­lung und Bericht des Aus­schus­ses für Umwelt, Natur­schutz und nuklea­re Sicher­heit (16. Aus­schuss)
Druck­sa­che 19/8040
d) Bera­tung der Beschluss­emp­feh­lung und des Berichts des Aus­schus­ses für Umwelt, Natur­schutz und nuklea­re Sicher­heit (16. Aus­schuss) zu dem Antrag der Abge­ord­ne­ten Huber­tus Zde­bel, Lorenz Gös­ta Beu­tin, Dr. Gesi­ne Lötzsch, wei­te­rer Abge­ord­ne­ter und der Frak­ti­on DIE LINKE
Still­le­gung der Uranfa­bri­ken Gro­nau und Lin­gen – Export­ver­bot für Kern­brenn­stof­fe
Druck­sa­chen 19/2520, 19/8040
e) Bera­tung der Beschluss­emp­feh­lung und des Berichts des Aus­schus­ses für Umwelt, Natur­schutz und nuklea­re Sicher­heit (16. Aus­schuss) zu dem Antrag der Abge­ord­ne­ten Syl­via Kot­ting-Uhl, Lisa Badum, Dr. Bet­ti­na Hoff­mann, wei­te­rer Abge­ord­ne­ter und der Frak­ti­on BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Kein Sicher­heits­ra­batt – Abschal­tung der bel­gi­schen Reak­to­ren Tihan­ge 2 und Doel 3 wei­ter­hin not­wen­dig
Druck­sa­chen 19/6107, 19/8039

Dr. Nina Scheer (SPD):
Sehr geehr­ter Herr Prä­si­dent! Lie­be Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen! Es ist schwer zu ertra­gen, was mein Vor­red­ner hier alles für einen Schwach­sinn erzählt hat.

(Bei­fall bei der SPD und der LINKEN sowie bei Abge­ord­ne­ten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Aber wenn ich jetzt alles wider­le­gen wür­de, dann bräuch­te ich mehr als mei­ne Rede­zeit; denn es war fast in jedem Satz Unwah­res drin. 

Set­zen wir ein­mal bei der Fra­ge an, wie vie­le Schä­den es gab. Um die­se zu beant­wor­ten, braucht man nur die inter­na­tio­nal ver­füg­ba­ren Zah­len der Inter­na­tio­na­len Atom­ener­gie-Orga­ni­sa­ti­on her­an­zu­zie­hen, die bis 2017

(Udo Theo­dor Hem­mel­garn [AfD]: Bewei­se!)

– nach­prüf­ba­re Quel­le – 60 Mil­li­ar­den Euro an Schä­den allein für die Fol­gen des Unfalls in Fuku­shi­ma eru­iert hat.

(Udo Theo­dor Hem­mel­garn [AfD]: Ja, ja!)

Und das sind nur die Zah­len bis 2017. Wir wis­sen von den Fäs­sern mit dem Abwas­ser, die dort ste­hen. Wir wis­sen von den vie­len Unbe­herrsch­bar­kei­ten, die nach wie vor von den dor­ti­gen Kern­schmel­zen aus­ge­hen. Inso­fern ist es ein­fach nur igno­rant, was Sie hier dar­le­gen.

(Bei­fall bei der SPD)

Sie unter­stel­len und wol­len der Mensch­heit weis­ma­chen, dass so etwas beherrsch­bar sei. Das ist ein­fach ekel­er­re­gend.

(Bei­fall bei der SPD sowie bei Abge­ord­ne­ten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN – Lachen bei der AfD – Jür­gen Braun [AfD]: Argu­men­te fal­len Ihnen kei­ne ein! Da ist nichts! Nur rot-grü­nes Zeug!)

Wir haben aus deut­scher Sicht im Kon­text der Atom­ener­gie­über­win­dung in der Tat noch vie­les zu tun. Auch wenn wir den Atom­aus­stieg hier schon beschlos­sen haben – das ist hier schon hin­läng­lich in den ande­ren Rede­bei­trä­gen deut­lich gewor­den –, ste­hen wir natür­lich auch vor inter­na­tio­na­len Her­aus­for­de­run­gen.

Auf etwas, das auch schon ange­spro­chen wur­de, woll­te ich etwas genau­er ein­ge­hen, und zwar auf die Fra­ge, wie es mit den inter­na­tio­na­len Haf­tungs­gren­zen aus­sieht. Wir haben inter­na­tio­na­le Ver­ein­ba­run­gen, wonach es Haf­tungs­ober­gren­zen gibt, die so nied­rig sind, dass gera­de ein­mal eine Haf­tungs­sum­me von maxi­mal 381 Mil­lio­nen Euro von einem Staat an den ande­ren gezahlt wird, wenn bei einem Atom­un­fall grenz­über­schrei­tend Schä­den auf­tre­ten. Trotz die­ser im Ver­hält­nis zur Scha­dens­sum­me sehr klei­nen Zahl – ich ver­wei­se auf Fuku­shi­ma –, exis­tiert immer noch der ver­brei­te­te Irr­glau­be, Atom­ener­gie sei irgend­wie finan­zier­bar. Die Haf­tungs­ober­gren­ze im Ver­hält­nis zu den rea­len Gefah­ren zeigt, dass die Risi­ken so hoch sind, dass die Haf­tung im Scha-dens­fall nicht finan­zier­bar ist.

Ganz zu schwei­gen davon – das muss man immer auch erwäh­nen – sind da noch die End­la­ger­kos­ten und die gan­zen Fol­ge­schä­den, die wir in Deutsch­land mitt­ler­wei­le zwar so eini­ger­ma­ßen sor­tiert haben, die wir aber immer leicht aus­blen­den. Wir wis­sen alle, dass das, was bis­her getan wur­de, wahr­schein­lich nicht rei­chen wird. Obwohl wir das Nötigs­te raus­ge­zo­gen und einen Fonds mit cir­ca 24 Mil­li­ar­den Euro bestückt haben, wis­sen wir, dass durch die Ewig­keits­las­ten, die wir haben, wahr­schein­lich immer wie­der Kos­ten auf den Steu­er­zah­ler zukom­men wer­den und wir uns immer wie­der ein­ge­ste­hen müs­sen, dass die Nach­welt zu Recht sau­er auf uns sein wird – nicht nur sau­er –, dass wir so etwas über­haupt erst ange­fan­gen haben.

(Bei­fall bei der SPD sowie bei Abge­ord­ne­ten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Artur Auern­ham­mer [CDU/CSU])

Ich möch­te noch auf ein paar ande­re Punk­te ein­ge­hen, die uns poli­tisch beschäf­ti­gen müs­sen. Von Ihnen, Frau Sku­del­ny, ist kurz ange­ris­sen wor­den, dass man sich auch im inter­na­tio­na­len Kli­ma­schutz in der Tat immer wie­der mit bestimm­ten Sze­na­ri­en aus­ein­an­der­set­zen muss. Auch der Welt­kli­ma­rat beschäf­tigt sich mit Sze­na­ri­en, die von einer Atom­ener­gie­nut­zung aus­ge­hen. Das muss man benen­nen, und zwar nicht in dem Sin­ne, wie ich das bei Ihnen lei­der ein biss­chen durch­ge­hört habe, näm­lich dass Atom­ener­gie viel­leicht eine Zukunft hät­te. Im Gegen­teil: Das muss uns ein Warn­si­gnal sein.

(Judith Sku­del­ny [FDP]: Das war nur eine Fest­stel­lung!)

Man muss das natür­lich wahr­neh­men und auch ernst neh­men. Aber es darf kein Auf­ruf sein – es darf kei­ne deut­sche, kei­ne euro­päi­sche Betei­li­gung dar­an geben –, Kli­ma­schutz mit Atom­ener­gie zu betrei­ben. Für uns müs­sen die ande­ren Sze­na­ri­en gel­ten. Wir müs­sen her­vor­he­ben, dass wir auf die ande­ren Sze­na­ri­en set­zen müs­sen.

(Judith Sku­del­ny [FDP]: Aber wir müs­sen Ein­fluss neh­men auf die, die es wei­ter nut­zen!)

Denn es darf nicht über den Kli­ma­schutz zu einer Revi­ta­li­sie­rung der Atom­ener­gie und auch nicht zu einer Ver­harm­lo­sung der Atom­ener­gie kom­men.

(Bei­fall bei der SPD sowie bei Abge­ord­ne­ten der LINKEN)

Dazu muss man sagen: Für die Wie­der­be­le­bung der Atom­ener­gie zum Zwe­cke des Kli­ma­schut­zes hat Barack Oba­ma damals 50 Mil­li­ar­den US-Dol­lar an Sub­ven­tio­nen in den Haus­halt ein­ge­stellt. Das muss uns War­nung sein, weil das natür­lich immer markt­ver­zer­ren­de Ele­men­te sind und dadurch immer wie­der der Ein­druck erweckt wird, dass Atom­ener­gie bil­lig sei, was aber defi­ni­tiv nicht der Fall ist.

Es gibt wei­te­re Zah­len: In einem Bud­get­ver­gleich der Jah­re 1974 und 2008 wur­de unter­sucht, wie viel inter­na­tio­nal für die Atom­ener­gie im Ver­gleich zur erneu­er­ba­ren Ener­gie aus­ge­ge­ben wur­de. Nur 15 Pro­zent der welt­wei­ten För­de­rung wur­den in erneu­er­ba­re Ener­gi­en inves­tiert. Dem­ge­gen­über wur­den 64 Pro­zent in die For­schung und Ent­wick­lung der Atom­ener­gie gesteckt, obwohl die Mög­lich­kei­ten bis dahin schon aus­ge­schöpft waren.

Ein letz­ter Punkt, den ich am Ende mei­ner Rede­zeit noch auf­grei­fen möch­te, ist: In der Tat haben wir die Auf­ga­be – ich bin dank­bar, dass das Umwelt­mi­nis­te­ri­um die­se Auf­ga­be auch tat­säch­lich ernst nimmt –, die Brenn­ele­men­te­fer­ti­gung und die Uran­an­rei­che­rung auf deut­schem Boden zu been­den. Ich fin­de, die­ses Ziel muss man wei­ter ver­fol­gen. Das Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­um hat auch immer wie­der in den Aus­schuss­sit­zun­gen bekräf­tigt, dass dar­an gear­bei­tet wird. Das soll mein letz­ter Satz sein, obwohl es noch vie­les mehr zu sagen gäbe.

Vie­len Dank.

(Bei­fall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie bei Abge­ord­ne­ten der LINKEN)

 

Zur Rede in der Media­thek des Deut­schen Bun­des­ta­ges