Persönliche Erklärung: Zweites Gesetz zur besseren Durchsetzung der Ausreisepflicht

Veröffentlicht von Nina Scheer 18. Juni 2019

Per­sön­li­che Erklä­rung der Abge­ord­ne­ten Dr. Nina Scheer zum Abstim­mungs­ver­hal­ten nach § 31 Absatz 1 der Geschäfts­ord­nung des Deut­schen Bun­des­ta­ges zum ZP 12: Zwei­te und drit­te Bera­tung des von der Bun­des­re­gie­rung ein­ge­brach­ten Ent­wurfs eines Zwei­ten Geset­zes zur bes­se­ren Durch­set­zung der Aus­rei­se­pflicht (Druck­sa­che 19/1004719/10506) und Beschluss­emp­feh­lung und Bericht des Aus­schus­ses für Inne­res und Hei­mat (Druck­sa­che 19/10706):

Das ‚Zwei­te Gesetz zur bes­se­ren Durch­set­zung der Aus­rei­se­pflicht‘ ist Bestand­teil eines umfang­rei­chen Geset­zes­pa­kets mit migra­ti­ons­po­li­ti­schen Rege­lungs­in­hal­ten. Es wur­de als sol­ches ver­han­delt und bedurf­te mit den erreich­ten Ver­hand­lungs­er­geb­nis­sen eben die­ser Zusam­men­füh­rung, um inner­halb der Koali­ti­on zu einer Eini­gung kom­men zu kön­nen. Dies ist den unter­schied­li­chen Ziel­set­zun­gen der Koali­ti­ons­part­ner geschul­det: wäh­rend sich die SPD für ein Fach­kräf­te­zu­wan­de­rungs­ge­setz und Rege­lun­gen für einen soge­nann­ten Spur­wech­sel ein­setz­te, ver­lang­ten CDU/CSU Ver­schär­fun­gen in Sank­tio­nen und Maß­nah­men mit abschre­cken­der Wir­kung, auch im Zusam­men­hang mit der Rück­füh­rung bzw. Abschie­bung von Men­schen. Durch die Zusam­men­füh­rung ver­schie­de­ner Geset­ze ver­pflich­te­ten sich die Koali­ti­ons­frak­tio­nen, kein Gesetz ohne die Zustim­mung auch für die wei­te­ren Geset­ze zu ver­ab­schie­den. Mit dem Koali­ti­ons­ver­trag sind die Frak­tio­nen zudem die Ver­pflich­tung ein­ge­gan­gen, nur gemein­sam abzu­stim­men bzw. kei­ne wech­seln­den Mehr­hei­ten zuzu­las­sen. Mei­nes Erach­tens kann einer sol­chen Rege­lung dann aber nicht gefolgt wer­den, wenn in Bezug auf ein­zel­ne Rege­lun­gen noch maß­geb­li­che Klä­rungs- und Ände­rungs­be­dar­fe bestehen, zumal wenn sie von ver­fas­sungs- oder men­schen­recht­li­cher Bedeu­tung sind. In Bezug auf das ‚Zwei­te Gesetz zur bes­se­ren Durch­set­zung der Aus­rei­se­pflicht‘ ist die­ser Klä­rungs- und Ände­rungs­be­darf gege­ben, zumal die Erkennt­nis­se aus der Sach­ver­stän­di­gen­an­hö­rung vom Mon­tag, den 3. Juni für eine Ver­ab­schie­dung in der glei­chen Woche nicht mehr berück­sich­tigt wer­den konn­ten.

Trotz der Not­wen­dig­keit, in einem funk­tio­nie­ren­den Asyl­sys­tem Men­schen ohne Blei­be­recht auch wie­der zurück­zu­füh­ren bezie­hungs­wei­se in Ernst­fäl­len auch abzu­schie­ben zu kön­nen, ent­bin­det dies nicht von der Not­wen­dig­keit, bei jeder ein­zel­nen ver­schär­fen­den Maß­nah­me abzu­wä­gen, ob sie jewei­lig mit unse­rem grund­ge­setz­li­chen Wer­te­ge­rüst und völ­ker­recht­li­chen Men­schen­rech­ten über­ein­stim­men und dabei auch den Grund­sät­zen einer stim­mi­gen und ziel­füh­ren­de Migra­ti­ons­po­li­tik ent­spre­chen.

Der SPD ist es im Zuge des par­la­men­ta­ri­schen Ver­fah­rens gelun­gen, den ursprüng­lich von Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer vor­ge­leg­ten Ent­wurf in vie­len Din­gen huma­ner zu gestal­ten und hier­bei wei­ter­ge­hen­de Men­schen­rechts­ein­bu­ßen abzu­wen­den.

Den­noch ent­hal­ten das ‚Zwei­te Gesetz zur bes­se­ren Durch­set­zung der Aus­rei­se­pflicht‘ und die ent­spre­chen­den Ände­rungs­an­trä­ge ein­schnei­den­de Ver­schär­fun­gen gegen­über dem Sta­tus Quo, die ich mit unse­ren ver­fas­sungs­ge­ge­be­nen Wer­ten für nicht ver­ein­bar und zudem auch poli­tisch ver­fehlt hal­te.

Zu denen zählt etwa die Ver­län­ge­rung einer maxi­ma­len Auf­ent­halts­dau­er in den soge­nann­ten AnkER-Zen­tren auf bis zu 18 Mona­te, eine Ver­län­ge­rung des Beschäf­ti­gungs­ver­bots oder die Ver­schlech­te­rung in Bezug auf die Aus­bil­dungs­dul­dung, die den Men­schen den Weg in Zukunft, Beschäf­ti­gung und Erwerb ver­sperrt.

Mit § 60b Abs. 5 des Ände­rungs­an­tra­ges zum Auf­ent­halts­ge­setz, der ‚Dul­dung für Men­schen mit unge­klär­ter Iden­ti­tät‘ wird eine Dul­dung unter­halb der Dul­dung geschaf­fen, die zu Leis­tungs­ein­schrän­kun­gen sowie Arbeits- und Bil­dungs­ver­bo­ten führt. Die hier­mit ver­bun­de­ne Zwangs­la­ge, in die damit eine gro­ße Zahl von Men­schen gebracht wird, wider­spricht mei­nem Selbst­ver­ständ­nis eines huma­nen Umgangs mit Men­schen und wider­spricht mei­nes Erach­tens damit auch unse­ren Ver­fas­sungs­wer­ten.

Dies betrifft auch die Leis­tungs­strei­chun­gen im Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz für in ande­ren EU-Staa­ten aner­kann­te Flücht­lin­ge. Allen sich in Deutsch­land auf­hal­ten­den Men­schen ist auch nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (von 2012) ein men­schen­wür­di­ges Exis­tenz­mi­ni­mum zu gewähr­leis­ten.

Wei­te­re recht­li­che Beden­ken lie­gen in der feh­len­den Tren­nung zwi­schen Abschie­be­häft­lin­gen und Straf­ge­fan­ge­nen und etwa auch nur erschwert erreich­ba­ren unab­hän­gi­gen Bera­tung. 

In einer Gesamt­be­trach­tung müs­sen zu ver­ab­schie­den­de Geset­ze nach mei­ner Über­zeu­gung der rechts­staat­li­chen Über­prü­fung ohne begrün­de­te Zwei­fel stand­hal­ten. Das ‚Zwei­te Gesetz zur bes­se­ren Durch­set­zung der Aus­rei­se­pflicht‘ ver­mit­telt für die betrof­fe­nen Men­schen einen Zustand von Rechts­un­si­cher­heit bis hin zu exis­ten­zi­el­ler Not. Dies ist mit den Gebo­ten der Rechts­staat­lich­keit nicht ver­ein­bar.

Inso­fern kann ich es mit mei­nem Gewis­sen nicht ver­ein­ba­ren, dem Gesetz zuzu­stim­men und stim­me mit Nein.

Dr. Nina Scheer, MdB
Ber­lin, 7. Juni 2019

Erklä­rung nach § 31 GO BT als Pdf